
1. Trauma: Definition
Ein Trauma ist ein Geschehen, das von außen auf den Menschen einwirkt und bei dem bisherige Bewältigungsstrategien, hauptsächlich Flucht oder Kampf, versagen. Zumeist ist dies verbunden mit dem Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Alle Gefühle werden dabei abgeschaltet, es stellt sich ein Zustand des Eingefrorenseins ein, oft verbunden mit dem Gefühl, neben sich zu stehen oder als würde es gar nicht passieren, als wäre es ein Film. Der Körper ist wie betäubt, empfindungslos.
Dies sind alles Reaktionen, die allein dem Überleben während und nach einem Trauma dienen, ebenso wie die sich oft später einstellenden Symptome. Einige Menschen berichteten später, „ich saß auf dem Schrank und schaute zu“ oder „es war wie im Kino“ oder auch „ich war überhaupt nicht die, der das passierte, es geschah jemand anderem“.
Man unterscheidet dabei zwischen man-made (von Menschen
gemachte) und non-man-made (nicht von Menschen gemachte) Trauma
ta.
Man-made Trauma ta sind körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt,
seelische Gewalt, chronisch schwere Vernachlässigung, Geiselnahme,
Raubüberfälle, Entführungen, schwere Verkehrsunfälle, Folter,
Krieg.
Non-man-made Trauma ta sind Naturkatastrophen, lebensbedrohliche
Erkrankungen (z.B. Krebs, Aids), plötzlicher Kindstod.
Die Auswirkungen sind um so katastrophaler je früher, bezogen
auf das Lebensalter, die
Trauma tisierungen eingewirkt haben, je länger sie angedauert haben
und je dichter die Beziehung zum Täter/Täterin bestand. Das
Bundeskriminalamt weist für das Jahr 1999 über 15300 Fälle
bekannten sexuellen Missbrauchs von Kindern aus, wobei die
eigentliche Dunkelziffer auf mehr als das Zehnfache geschätzt wird.
Die Folgen für die Kinder und die Erwachsenen, die ein Trauma
erfahren haben, sind verheerend auf allen Bereichen. Ca. 25% der
trauma tisierten Menschen können sich an das Trauma später nicht
mehr erinnern. Bei 50-80% entwickelt sich ein Krankheitsbild wie
unter Punkt 3 beschrieben. Man muss selbst nicht das direkte Opfer
gewesen sein, auch wenn man ein trauma tisches Geschehen miterlebt
hat, zugesehen hat, kann sich die unten aufgeführte Symptomatik
entwickeln, in jeweils sehr unterschiedlichen Ausprägungen.
2. Trauma: Folgen von Traumatisierungen
Die Auswirkungen von Trauma ta können sich auf allen Ebenen beim Menschen niederschlagen, teilweise in sehr unterschiedlicher Art. Eine Rolle spielt, welche Form von Gewalt vorgeherrscht hat, welches Geschlecht das Opfer hat, ob Verletzungen und Drohungen stattfanden.
Oft werden Kinder nach einem Trauma zur Geheimhaltung gezwungen und in den Familien selber besteht keine Möglichkeit für das Kind, sich jemandem anzuvertrauen oder die angesprochenen Personen in der Familie wollen es nicht wahrhaben, was geschah. Zudem berichten Jungen weniger darüber, da sie ein Bild vermittelt bekommen haben, „Männer sind hart“. Sie haben Ängste vor der Zuschreibung, dass sie homosexuell sein könnten.
Kinder reagieren dann oft mit Bettnässen, auffälligem Verhalten, Selbstverletzungen, Aggressionen gegen sich und andere, chronischem Weglaufen, wiederholten Selbstmordversuchen. Sie ziehen sich vermehrt in eine innere Phantasiewelt zurück, um weiterleben zu können.
Die Folgen nach einem Trauma sind verheerend und katastrophal auf allen Ebenen. Die Strategien, Symptome, Verhaltensweisen, die nach einem Trauma entwickelt und angewendet werden, dienen allein dem Überleben. Nicht bei allen Menschen, die ein Trauma erlitten haben, stellen sich die unten aufgeführten Beschwerden ein.
Mögliche Folgen nach einem Trauma können sein:
·
seelisch
Dauerhafter Übererregungszustand
(Hyper-Arousal), starkes Empfinden von Scham, Schuld, innerer
Wertlosigkeit, Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit, chronisches
Gefühl von Bedrohtsein, unkontrollierbare Gefühlsausbrüche, das
Gefühl, neben sich zu stehen oder alles wie in einem Film
wahrzunehmen; Amnesien (Gedächtnisverluste), Verlust des
Selbstvertrauens; Gefühl, von niemandem verstanden zu werden;
Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, starke Gefühlsschwankungen,
Depressionen, Angststörungen, Panik, Schlafstörungen, Alpträume,
Selbstverletzungen, chronische Selbstmordgedanken.
·
körperlich
Ekel vor dem eigenen Körper,
zerstörtes Körperbild, Empfindungsstörung auf der Hautebene, intime
Nähe zu anderen wird als bedrohlich erlebt, der Körper drückt die
Gefühle aus in Form von Symptomen (Körpererinnerungen; der Körper
lügt nicht) , muskuläre Verspannungen, Schmerzen im gesamten
Körperbereich, körperliche Verletzungen, häufige Operationen,
chronischer posttraumatischer Distress.
·
geistig
Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Lernstörungen, vermindertes Interesse in Form
von flüchtigen Aktivitäten, Verlust von früheren Überzeugungen.
Pseudohalluzinationen, innere Stimmen, plötzlich einschießende
Bilder und Filme, die mit dem Trauma verknüpft sind (Intrusionen,
Flash-backs), oft ist der Gedächtnis-Zugang zu normalen Ereignissen
in der Biographie nicht möglich. Zeitverluste im Alltag.
·
Beziehungen/Verhalten
Die Unfähigkeit,
anderen Menschen wieder vertrauen zu können; Angst, wieder zum
Opfer zu werden, andere Menschen zum Opfer zu machen; kein
Durchhaltevermögen bei der Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher
Beziehungen und von Beziehungen am Arbeitsplatz, impulsive
Verhaltensmuster, beeinträchtigte Sexualität.
·
hormonell/neuroanatomisch
Die Gehirnaktivität
ist permanent auf Alarm geschaltet, Reize von außen werden als
traumatisch wahrgenommen und werden deswegen gemieden oder es wird
mit sofortiger Angst oder Panik reagiert. Veränderungen bei in
verschiedenen physiologischen Funktionen, z. B. im Bereich von
Hormonen und Neurotransmittern.
3. Trauma: Daraus resultierende
Krankheitsbilder
Dissoziative Identitätsstörungen resultieren vor allem aus
schweren, bereits frühkindlich begonnenen Traumatisierungen.
Posttraumatische Belastungsstörungen können auch im späteren
Lebensalter Folge von schweren Traumatisierungen sein. Auch an der
Entstehung von Persönlichkeitsstörungen, insbesondere
Borderline-Persönlichkeitsstörungen, können traumatische
Schädigungen beteiligt sein und mit anderen Symptombildungen
einhergehen wie Depressionen, Angststörungen, Phobien,
Essstörungen, Selbstverletzendes Verhalten, Tics,
Somatisierungsstörungen, dissoziative Störungen, Schmerzsyndrome,
Süchte.
4. Trauma: Besonders gefährdete Berufsgruppen
Soldaten, Feuerwehr, Polizei, Katastrophenschutz,
Sanitätsdienste, Kriegsberichterstatter, Ärzte im Noteinsatz.
5. Trauma: Therapie
Das spezielle Behandlungsangebot der Abt. Psychiatrie und
Psychotherapie der Hardtwaldklinik I basiert auf den Grundlagen der
Traumatherapie, die sich in drei Phasen aufgliedert und ist an den
Konzepten von Reddemann und Sachsse orientiert:
1. Stabilisierungsphase
2. Trauma bearbeitungsphase
3. Integrationsphase
In der Stabilisierungsphase, die die meiste Zeit der Therapie beansprucht, steht die Reduktion des inneren Stresses im Vordergrund, d. h. das Erlernen von stabilisierenden Übungen, die Reorientierung im Hier und Jetzt, das Erlernen von besseren Bewältigungsstrategien im Alltag, das Erkennen von Triggern (Außenreize, die innere Bilder, Filme und Gedanken auslösen), das Erlernen von Selbstberuhigungstechniken, das Erlernen von Techniken zur Reduktion von plötzlich auftretenden inneren Bildern und Filmen (Flash backs/Intrusionen), der Zugang zum Körpererleben und die Besserung des Körpergefühls.
Der Behandlungsansatz ist ganzheitlich und ressourcenorientiert. Der Therapieverlauf ist transparent, d. h. die einzelnen Behandlungsangebote und die einzelnen Schritte werden mit den PatientInnen besprochen und geplant. Die Symptome werden als sinnvoll und hilfreich anerkannt und dem Überleben dienend nach einem Trauma und es werden Informationen über die Folgen von Trauma tisierungen der jeweiligen Diagnose vermittelt.
Unser spezielles therapeutisches Angebot besteht in einer Kombination von Einzel- und Gruppentherapie, wobei die Gruppentherapien themenzentriert sind und nicht in die Vergangenheit gerichtet sind. Begleitet werden die Behandlungen durch balneo-physikalische Anwendungen sowie Angebote aus der Krankengymnastik und sportliche Aktivitäten (Badminton, Boxen, Bogenschießen, Bewegungsmeditation etc.).
Zur Bearbeitung der Trauma ta stehen uns unterschiedliche therapeutische Verfahren zur Verfügung wie EMDR, TRIMB, EMI, Screen-Technik. Die Bearbeitung von Trauma ta erfolgt erst dann, wenn eine ausreichende Stabilisierung in allen Bereichen erreicht ist und dies von Patienten auch gewünscht wird.
M. Kraft, Dipl.-Psych.
Oberpsychologe
Psychologischer Psychotherapeut
Chefarztsekretariat
Frau Grübel
Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900
E-Mail gruebel@hardtwalklinik1.de
zur Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie

Chefarzt Dr. Niklas Schmitt
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Aktualisiert am 07.07.2011