Informationen zur Hardtwaldklinik Rehabilitation in Bad Zwesten. Klinik für Neurologie (AHB), Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Weitere medizinische Angebote sind: Frührehabilitation
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Schamerkrankungen

Übersicht
1.   Ein Beispiel von Schamerkrankungen
2.   Kleiner Exkurs zur Scham
3.   Schamerkrankungen
4.   Therapie von Schamerkrankungen 

1.   Ein Beispiel von Schamerkrankungen

Häufig hören sich Berichte über Schamerkrankungen ähnlich an wie das folgende  Beispiel aus einem fiktiven psychotherapeutischen Erstgespräch.

Eine Patientin berichtet, sie schäme sich, so abhängig von ihrem mit einer anderen Frau verheirateten viele Jahre älteren Freund zu sein. Sie könne keinen seiner Schritte unbeobachtet lassen, müsse ihn auf Schritt und Tritt verfolgen, ihn immer wieder selbst in seiner ehelichen Wohnung anrufen. Durch ihr bedrängendes Verhalten habe sie viel negative Aufmerksamkeit in ihrem Bekanntenkreis auf sich gezogen.

Sie habe das Gefühl, sich nicht normal verhalten zu können wie andere, gesunde Menschen. Manchmal beobachte sie sich selbst mit Verachtung. Von Freunden ziehe sie sich im Gefühl zurück, „peinlich„ zu sein. Am liebsten verberge sie sich, erröte leicht aus Angst im Kontakt. 

Als die Patientin aus ihrem Leben berichtet, wird deutlich, dass sie schon früh unter tiefen Selbstwertproblemen gelitten habe. Sie habe mithelfen müssen, den Alkoholismus ihrer Mutter vor der Außenwelt zu verstecken und es wie eine Schande erlebt, Mitglied ihrer Familie zu sein. Ihren Vater habe sie zwar als angenehm in seiner ruhigen Art empfunden, ohne jedoch wirklich warmherzige Empathie zu erleben oder die Möglichkeit zu haben, über unangenehme Themen mit ihm sprechen zu können. Sie habe häufig Angst gehabt, ihn ganz zu verlieren.

In  psychotherapeutische Behandlung habe sie sich dennoch erst sehr spät begeben, als sie aufgrund einer sich verstärkenden Depression drohte, ihren Lebensmut ganz zu verlieren. Die Vorstellung über ihre Problematik reden zu müssen, habe körperliches Unwohlsein und Übelkeit ausgelöst, verbunden mit dem Gefühl wie entblößt, nackt dazustehen.  

2. Schamerkrankungen: Kleiner Exkurs zur Scham

Das Gefühl der Scham an sich ist nichts krankhaftes, ganz im Gegenteil, es zählt zu den ganz wichtigen Grundgefühlen, die in der Regulation von menschlichem Verhalten und insbesondere von menschlichem Zusammenleben ein zentrale Rolle spielen. 

Scham wie auch ihr Gegenüber der Stolz entstehen – so kann man sich vorstellen –an der Schnittstelle im Kontakt des Selbst mit den anderen. Sie ist wesentlich für das Nähe- und Distanzerleben der Menschen. Sich sozial anzupassen, nicht aus der Gemeinschaft heraus zufallen einerseits, eine eigene individuelle Persönlichkeit zu entwickeln andererseits, integer zu sein – all diese Prozesse werden nicht zuletzt über das Erleben von Scham gesteuert. 

Im Zusammenhang mit Schamerkrankungen kann Scham am ehesten definiert werden als die Angst davor, sich der Kränkung anderer auszusetzen, sich bloßzustellen, wie auch davor andere zu enthüllen. Scham erscheint als die Furcht, zu sehen und gesehen zu werden, allgemeiner: wahrzunehmen und wahrgenommen zu werden. (zitiert nach L. Wurmser) 

Jemand besonderes zu sein und Anerkennung zu erfahren, ist für viele ein starker Wunsch und motivierend, impulsgebend für Neugier und Handlungen.

Andererseits ist dieses Streben oft auch mit großen Ängsten verbunden, in der individuellen persönlichen Eigenart nicht anerkannt zu werden; Ängsten, Idealen nicht gerecht zu werden, Demütigungen zu erfahren, gezwungen zu sein, sich Blößen zu geben oder sich verstellen zu müssen. 

Sehr wahrscheinlich können bereits zweijährige Kinder Scham empfinden. In diesem Alter lernen sie, sich im Spiegel zu erkennen. Sie entwickeln Selbstbewusstsein und beginnen, sich von ihren frühen Bezugspersonen wegzubewegen. Negative Reaktionen können in diesem Prozess der Verselbstständigung Hemmungen hervorrufen und Scham statt kindlicher Freude und Stolz. 

Für ein Verständnis von Scham erscheint es wichtig, das Schamempfinden in Beziehung zu setzen mit menschlichen Triebregungen, gewissermaßen animalischen Vorgängen wie Verdauung, Urinieren, Nahrungsaufnahme und Sexualität.

Psychoanalytische Theorien stellen eine Verbindung her zwischen dem Entstehen von Scham und kindlichen Kernkonflikten, die mit der zunehmenden kindlichen Fähigkeit einhergehen, die Körperfunktionen (z.B. die Verdauung) zu beherrschen. Das Bemühen der Kinder während der Reinlichkeitserziehung immer aufs Neue eben erst erworbene Tüchtigkeiten und eigensinnige Unabhängigkeit zu demonstrieren, dieses Bemühen geht unvermeidlich mit Misserfolgen, beschämenden Niederlagen und ohnmächtiger Wut einher – mit Erlebnissen also, die tiefe Zweifel am eigenen Wert aufkommen lassen: Zweifel an der Tauglichkeit der eigenen Begabung, Zweifel an der Macht zu Beherrschung der eigenen Wut und der Gefahr, zu unkontrollierter destruktiver Anwendung der neuen Fähigkeiten hingerissen zu werden. 

Man kann sich vorstellen, dass das Entstehen von Scham oft mit einem ersten Erleben von Schwäche einhergeht und mit dem beschriebenen Kernkonflikt: Autonomie und Stolz gegen Zweifel an sich selbst und Scham. 

Scham ist vor diesem Hintergrund zumeist ein Gefühl, das sich auf die ganze Person bezieht. Die unbewältigten Konflikte rufen das Selbsterleben der Betroffenen hervor, als die, die sie sind, oder so wie sie sind, nicht in Ordnung zu sein. 

3. Schamerkrankungen 

Schamerkrankungen entwickeln sich zumeist, wenn das Erleben von Scham übermächtig und beherrschend wird, seltener gibt es auch Schamerkrankungen, die man vor dem Hintergrund eines Mangels an Scham verstehen kann. 

Der Psychoanalytiker L. Wurmser hat sich in seinen Büchern und Aufsätzen intensiv mit Schamerkrankungen beschäftigt. Der Titel seines Aufsatzes: „Die schwere Last von tausend unbarmherzigen Augen„ soll hier zitiert werden, um den gemeinsamen Nenner der meisten Schamerkrankungen noch einmal zu illustrieren. 

Den Begriff der Schamerkrankung sucht man in den aktuell gültigen diagnostischen Klassifikationssystemen vergeblich. Wie das Gefühl der Scham selbst sich oft gewissermaßen maskiert zeigt – z.B. versteckt hinter Angst – so finden sich auch Schamerkrankungen in verschiedensten äußeren Erscheinungsformen.  

Ausdruck einer Schamerkrankung kann z. B. sein, wenn ein Patient eine Angststörung z.B. eine soziale Phobie entwickelt und Kontakte meidet. Fast immer sind das Selbstwertgefühl und das Identitätsempfinden der PatientInnen gestört. Als Ausdruck  von Schamerkrankungen finden sich dann gehäuft depressive Erkrankungen und so genannte narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Psychosomatische Erscheinungsbilder von Schamerkrankungen verbinden sich oft mit Herzrasen, Schweißausbrüchen und Zittern als Ausdruck von Angst, mit Stottern, Schwindel oder Erröten als Ausdruck von Scham und mit Muskelverspannungen oder Kopfschmerzen als Ausdruck von zumeist blockierter, ohnmächtiger Wut. 

PatientInnen entwickeln im Rahmen von Schamerkrankungen verschiedenste Versuche, ihr emotionales Erleben zu beruhigen, sie entwickeln Kompensationsversuche und zunächst entlastende Verhaltensweisen. Vor diesem Hintergrund kann man z.B. Essstörungen oder die Entwicklung süchtigen Verhaltens, teilweise auch die Entwicklung von Zwangserkrankungen besser verstehen. 

Schamerkrankungen und übermächtig beherrschendes Schamerleben geben oft auch Hinweise auf frühe kindliche Traumatisierungen, in schweren Fällen auch auf Gewalterfahrungen der PatientInnen oder auf Situationen sexueller Ausbeutung. 

Zum Verständnis gerade auch aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen erscheinen Hinweise wichtig, dass es aus psychotherapeutischer Sicht Verbindungen zwischen Schamaffekten und den Entstehungsbedingungen von Autodestruktivität, Destruktivität und Gewalt gibt. Patienten mit Schamerkrankungen fühlen sich oft ohnmächtig und machtlos. Manche unterwerfen sich den geltenden Normen und Gesetzen, andere verwandeln ihre Erniedrigung und Perspektivlosigkeit  in selbstzerstörerische oder zerstörerische Impulse. 

4. Therapie von Schamerkrankungen 

Tiefenpsychologisch fundierte oder psychoanalytisch orientierte Therapieverfahren erweisen sich als besonders wirksam in der Therapie von Schamerkrankungen. PatientInnen können mit Hilfe der Therapie ihr Selbstwertgefühl verbessern und häufig überhaupt erst einmal ihre eigenen Gefühle wahrnehmen, differenzieren und als eigene authentische Gefühle anerkennen. Sich selbst und die eigenen Wahrnehmungen und Gefühle als berechtigt wahrnehmen zu können und nicht abwerten zu müssen – eine Entwicklungsförderung des Selbst - erscheint  als wichtiges Ziel eines gelungenen therapeutischen Prozesses. 

Häufig erscheint es in der Therapie von Schamerkrankungen wichtig, neben Einzeltherapie auch Gruppentherapie zu ermöglichen, da ein interaktionelles gruppentherapeutisches Vorgehen besonders helfen kann, Schamgefühle zu überwinden, Vertrauen zu entwickeln und soziale Kompetenzen zu erweitern. In der Gruppentherapie kann eine Differenzierung zwischen Selbstwahrnehmung der PatientInnen und der Wahrnehmung durch die anderen besonders gut gelingen. So können sich PatientInnen mit Schamerkrankungen allmählich befreien von tief angelegten entwertenden, ablehnenden und verachtenden Sichtweisen über sich selbst. 

Körper- und Bewegungstherapie aber auch andere kreativtherapeutische Verfahren wie Gestaltungstherapie und Musiktherapie helfen den PatientInnen in der Entwicklung eines stabileren Körperselbst bzw. in der Entwicklung von Selbstvertrauen und der Entfaltung individueller Kreativität. 

Indikationsspezifisch müssen in die Therapie von Schamerkrankungen Elemente der Traumatherapie, z.B. imaginative Stabilisierungsübungen, einbezogen werden.

Therapien von Schamerkrankungen verbinden sich oft mit der Suche nach weiterführenden sozialen und/oder beruflichen Perspektiven. Die PatientInnen brauchen oft Unterstützung und Beratung in ihrem Versuch, die Lebensprobe wieder neu aufzunehmen und sich wieder in soziale und berufliche Zusammenhänge zu integrieren. 

Um eine intensive Vernetzung verschiedener Therapieformen zu ermöglichen, erscheint es in vielen Fällen hilfreich, das Angebot einer stationären psychotherapeutischen Behandlung aufzugreifen. 

Die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I in Bad Zwesten bietet  ein differenziertes, sehr geeignetes Angebot. Besonderer Wert wird gelegt auf die Zusammenarbeit mit den ambulanten Therapeuten und gegebenenfalls mit den Angehörigen und Verwandten der PatientInnen.

Dr. med. N. Schmitt
Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Weitere Informationen

Chefarztsekretariat

Frau Grübel

Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900

E-Mail gruebel@hwk1.de

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