
Seelische Erkrankungen äußern sich fast immer auch im Erleben des eigenen Körpers. Die hier beschriebene Körpertherapie setzt an dieser Stelle an und versucht positiven Einfluss zu nehmen. Wer sich seelisch „krank“ erlebt , erfährt dies auch im Körper. Seelische Krankheitsbilder wie schwere Depressionen oder Psychosen nehmen immer auch Einfluss auf das Körpererleben. Beschrieben werden in diesen Zuständen Phänomene wie Kraftlosigkeit oder bleierne Schwere. Aber auch Empfindungen der körperlich erlebten Durchlässigkeit oder empfundenen fehlenden oder nur schwer aufrecht zu erhaltenen Körperabgrenzungen. Missempfindungen des eigenen Körpers in seinen Grenzen und seiner in sich geschlossenen ganzen Kontur sind umschriebene Phänomene im großen Diagnosebereich der schizophrenen Krankheitsbilder.
Die Körpertherapie nimmt diese mögliche und in gesicherten Untersuchungen signifikant nachweisbare Symptomatik zum Anlass, therapeutisch aktiv zu werden. Eine speziell für diese Patientengruppe entwickelte Methode wird in der Hardtwaldklinik I als ein fester Bestandteil des Psychose-Therapie-Konzeptes eingesetzt.
Im geschützten Rahmen der Körpertherapie, die als Therapie in der Gruppe angeboten und umgesetzt wird, treffen sich die Patienten zwei bis drei mal in der Woche regelhaft und kontinuierlich, um gemeinsam in der Gruppe mit und an ihrem Körper zu arbeiten. Das Konzept sieht vor, dass eine relativ hohe Konstanz in der Zusammensetzung der Gruppe, in der therapeutischen Betreuung, sowie in Raum und Zeit gegeben sind. Die verantwortungsvolle Verbindlichkeit in der Teilnahme ist ein wichtiger Aspekt. Die Patienten können damit ein wertvolles Maß an Selbstverständnis erwerben, sich im guten, wohlwollenden Sinne um sich zu kümmern. Ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper und somit mit sich selbst ist eines der Ziele in der Körpertherapie. Eine beruhigende Musik im Hintergrund schafft eine annehmende und vertraute Gruppenatmosphäre. Ein erfahrener Bewegungstherapeut vermittelt die sich immer wiederholende inhaltliche Struktur der Körpertherapie.
Sich mit den eigenen Händen erkunden, mit dem eigenen Körper in Berührung treten, den eigenen Körper ertasten sind die Strukturelemente der Körpertherapie. Vom Ablauf her betrachtet beschäftigen sich die Patienten zunächst mit den eigenen Füßen. Mittels der Berührung nehmen die Teilnehmer die verschiedenen Empfindungsqualitäten des Körpers wahr.
Die Temperatur: Ist mein Fuß warm oder kalt? Ist er überall gleich temperiert oder gibt es vielleicht Unterschiede? Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn mein Fuß kalt ist ? Ist das unangenehm? Kann ich etwas tun, kann ich etwas verändern? Vielleicht durch Reiben und Massieren für Wärme sorgen?
Die Empfindsamkeit: Wo ist mein Fuß eigentlich empfindlich, kitzelig und wo ist er ganz robust? Wo genügt schon eine zarte Berührung, um zum Lachen zu kommen. Wo reicht schon ein winziges Sandkorn im Schuh aus, um das Gehen unmöglich werden zu lassen? Und ich kann auch barfuss am Strand und über Stock und Stein marschieren!
Die Form: Wie ist eigentlich mein Fuß geformt? Sind nicht alle Füße irgendwie gleich in ihrer Form? Und dennoch unterscheiden sie sich voneinander. Mein Fuß ist so wie er ist einzigartig!
Die Beweglichkeit: Entdecke ich an meinem Fuß die beweglichen und die festen Bereiche? Es braucht auch beides. Das Bewegliche, damit ich mich bewegen kann. Das Feste für den Halt und meine Standfestigkeit.
In diesem Sinn vermittelt die Körpertherapie Erfahrungen des Körpers, die üblicherweise in der Alltagsaufmerksamkeit untergehen. Oft sind es überraschende kleine Erkenntnisse, die mit einem „Aha-Erlebnis“ einher gehen. Den Körper erlebbar zu machen, ihn aus der Unachtsamkeit zu befreien und ihm Beachtung zu schenken, ist ein Ziel. Ein anderes Ziel besteht darin, sich der eigenen Körper-Grenzen bewusst zu werden. Wieder zu erleben, dass mein Körper ein in sich geschlossenes und verbundenes Ganzes ist, das wahrnehmbar, spürbar und vor allem begreifbar ist. Im wahrsten Sinne des Wortes: Etwas zu begreifen was vielleicht unbegreiflich wurde. Den Körper nicht mehr zu spüren, ihn aus der Erstarrung oder Leblosigkeit zu entlassen. Ihn als verändert zu erleben, in seinen Grenzen, in seiner Form und ihn wieder in die Geformtheit und wohltuende Begrenztheit zurück zu führen.
Die Körpertherapie vermag im Vergleich beider Körperseiten, im Vergleich z.B. beider Füße die Veränderung, die sich mittels der „Behandlung“ ergibt, direkt wahrnehmbar zu machen.
Vergleiche ich den Fuß, mit dem ich mich gerade beschäftigt habe mit dem, der noch unberührt ist, kann ich deutliche Unterschiede entdecken. Diese Erkenntnis, dass ich in der Lage bin, über die gezielte Beschäftigung, mit mir eine Veränderung meiner Körperempfindung zu erreichen ist, ist ein wichtiges Phänomen in der Körpertherapie. Ich hole mich aus dem unguten Zustand der Ohnmacht heraus.
Im Verlauf der 30 minütigen Körpertherapie werden alle Bereiche des Körpers „behandelt“. In jeder Sitzung wiederholt sich der Ablauf. Eine strukturelle Sicherheit im Ablauf, die als Nebeneffekt die rasche Erlernbarkeit beinhaltet. Patienten werden aufgefordert, in Momenten der Ruhe sich im Sinne der Körpertherapie mit sich zu beschäftigen.
So lernt der Patient unter therapeutischer Begleitung, eine liebevolle Begegnungskultur mit dem eigenen Körper zu entwickeln. Seinen Körper in seinen gesunden Dimensionen (wie Form, Grenze und Qualität) wahrzunehmen und sich „etwas Gutes zu tun“. Als wertvoller Bestandteil eines psychiatrisch-psychotherapeutischen Konzeptes dient die Körpertherapie dazu, der oft erlebten Ohnmacht des Krankheitsgeschehens eine neue Erfahrung der persönlichen Handlungskompetenz entgegen zu setzen. Sie dient auch dazu, dem unbelebten und erstarrten Körper wieder ein Stück Lebendigkeit und Seele zu schenken. Nicht zuletzt ist es ein wertvolles Kommunikationsritual im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen. Jede Körpertherapie - Sitzung endet mit einem kleinen partnerschaftlichen Ritual: Zwei Menschen klopfen sich mit gegenseitiger Erlaubnis nacheinander den Rücken ab. Ein Beweis des Vertrauens.
So gesehen bietet die Körpertherapie in ihrer Einfachheit eine Vielfalt von Aspekten, die letztendlich einem großen Ziel dienen: Die Seele über den Körper zu beruhigen und heilsame Anstöße zu provozieren. Ein Zitat einer anerkannten Therapeutin verdeutlicht dies sehr schön:
„Jeder zurück gewonnene Zentimeter Körperbewusstsein ist ein Zentimeter weiter auf dem Weg der Heilung“.
Jürgen Lippek
Dipl. Motologe
Focusing-Therapeut
Chefarztsekretariat
Frau Grübel
Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900
E-Mail gruebel@hardtwalklinik1.de
zur Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie

Chefarzt Dr. Niklas Schmitt
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Aktualisiert am 07.07.2011