Der Begriff histrionische Persönlichkeitsstörung ist weiterentwickelt worden aus dem alten Begriff der Hysterie.
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Histrionische Persoenlichkeitsstörung

Übersicht

1.   Histrionische Persönlichkeitsstörung und Hysterie
2.   Charakterzüge der histrionische n Persönlichkeitsstörung
3.   Zur Therapie der histrionische n Persönlichkeitsstörung 

1. Histrionische Persönlichkeitsstörung und Hysterie 

Die histrionische Persönlichkeitsstörung wird 1980 als diagnostische Kategorie durch die amerikanische psychiatrische Vereinigung eingeführt.

Der Begriff histrionische Persönlichkeitsstörung ist weiterentwickelt worden aus dem alten Begriff der Hysterie. Heute unterscheidet man 3 Gruppen von Krankheitszeichen, die ursprünglich unter dem Begriff Hysterie zusammengefasst wurden. Diese Krankheitszeichen findet man häufig auch zusammen bei den gleichen Patienten:

·   Konversionsstörungen: Körperliche Funktionsstörungen wie Lähmungen, Seh-, Hör-, Gleichgewichts- und Sprechstörung, die häufig mehr oder weniger körperliche Erkrankungen unbewusst imitieren, ohne dass ein entsprechender organischer pathologischer Befund vorliegt.

·   Dissoziative Störungen: Psychische Funktionsstörungen wie z. B. zeitliche begrenzte Erinnerungslücken (Amnesien) oder psychogene Bewusstseinsstörungen wie psychogene Dämmerzustände.

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung: Im Wesentlichen histrionische Charakterzüge, gemeint sind verschiedene Verhaltensmuster wie die Tendenz zu Dramatisierung, die verminderte Fähigkeit, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden, ausgeprägte Suggestibilität, übertriebene Koketterie und Theatralik sowie ein von Shapiro als impressionistisch bezeichneter, wenig präziser Denkstil. 

Das griechische Hysterikos bedeutete ursprünglich „an der Gebärmutter leidend“. Hippokrates führte im Altertum zahlreiche Frauenleiden ohne nachweisbare organische Ursache auf das Syndrom einer wandernden Gebärmutter zurück. Im Mittelalter galten Menschen mit hysterischer Symptomatik als vom Teufel besessen. Im 18. Jahrhundert galt Hysterie häufig als gynäkologische, im 19. Jahrhundert als neurologische Erkrankung. 

Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert setzte sich die Theorie einer psychologischen Verursachung der Hysterie durch. Vor allem Sigmund Freud gebührt das Verdienst, hysterische Phänomene und Vorgänge als Folge von unbewusst konflikthafter Verarbeitung intrapsychischer (seelischer) Konflikte zu verstehen. Die Entdeckung der psychischen Ätiologie der Hysterie geht einher mit den Hauptentdeckungen der Psychoanalyse. Beispielhaft seien die Begriffe Unbewusstes, Abwehr und Konflikt sowie Verdrängung genannt. Sigmund Freud verstand hysterische Krankheitszeichen als Kompromissbildung zwischen einer andrängenden, triebhaften Energie und deren Abwehr durch eine verdrängende Ich-Instanz etwa im Sinne des Gewissens oder verinnerlichter innerlicher Normen. 

In der Sichtweise von Sigmund Freud drücken demzufolge Konversionssymptome verdrängte Vorstellungen und Gefühle durch den Körper aus. Ein innerseelischer Konflikt wird versucht, durch Umwandlung seelischer Energie in körperliche Symptomatik zu lösen, so etwa, wenn eine Frau nach heftigen Auseinandersetzungen mit ihrem Freund den Impuls, ihn zu schlagen, abwehrt und eine Schwäche und Lähmung im Arm entwickelt. 

Freud entwickelte die ödipale Konflikthypothese der Hysterie. Libidinös gefärbte Bedürfnisse gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil, gepaart mit aggressiven Anteilen gegenüber dem gleichgeschlechtlichen, sind schlecht mit dem Selbst vereinbar und fallen daher der Verdrängung anheim. Unbewusst bleiben sie jedoch wirksam und verhindern einerseits die adäquate Identifikation der Betroffenen mit ihrer genuinen Rolle als Frau oder Mann, andererseits eine tiefgreifende sexuelle Befriedigung. Aktuelle Lebensumstände reaktivieren die verdrängten psychosexuellen Konflikte. Die damit verbundene starke affektive Belastung führt schließlich zur hysterischen Symptombildung im Sinne einer Kompromissbildung zwischen Wunschäußerung und Abwehr der Wünsche. 

Heute wissen wir, dass die ödipale Konflikthypothese nicht allein zur Klärung hysterischer Erkrankungen wie der histrionische n Persönlichkeitsstörung ausreicht. Besondere Bedeutung hat wie schon in der Vergangenheit die Beachtung realer Traumatisierungen gewonnen. Zusätzlich finden sich oft tiefgehende Störungen der Entwicklung des Selbst und insbesondere narzisstische und depressive Konflikte. 

2. Charakterzüge der histrionischen Persönlichkeitsstörung  

Um die Diagnose histrionische Persönlichkeitsstörung stellen zu können müssen mindestens vier der folgenden Charaktereigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen: 

·   Dramatische Selbstdarstellung, theatralisches Auftreten oder übertriebener Ausdruck von Gefühlen

·   Suggestibilität, leichte Beeinflussbarkeit durch andere oder Ereignisse (Umstände)

·   Oberflächliche labile Affekte

·   Ständige Suche nach aufregenden Erlebnissen und Aktivitäten, in denen die Betreffenden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen

·   Unangemessen verführerisch in Erscheinung und Verhalten

·   Übermäßige Beschäftigung damit, äußerlich attraktiv zu erscheinen 

Millon und Davis haben 1996 Subtypen der histrionische n Persönlichkeitsstörung herausgearbeitet: 

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung, theatralischer Typus: der Patient scheint in jede Rolle schlüpfen zu können und arbeitet hart daran, sich seine Rolle selbst zu glauben.

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung, hypomaner Typus: aus der Sucht nach aufregenden Ereignissen heraus erscheint der Patient voller Energie, jedoch im hohen Maße irritabel, impulsiv und sprunghaft.

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung, infantiler Typus: der Patient leidet unter affektiver Labilität, dysthymen Phasen und ausgeprägten Gefühlen der Abhängigkeit und Hilflosigkeit. Die Angst, verlassen zu werden, führt zu starken Schwankungen, unterwürfigen, kindlich-naiven und abweisend trotzigen Verhaltensmustern.

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung, schmeichelnder Typus: der Patient wird beherrscht durch das Bestreben, Anerkennung und Bewunderung von anderen zu erwirken. Die Patienten zeigen sich hilfsbereit und besorgt und sind nicht selten bereit, sich schier aufzuopfern, um die ersehnte Anerkennung zu gewinnen.

·   Histrionische Persönlichkeitsstörung, verschlagener Typus: die Patienten verstehen es häufig meisterhaft, Mitmenschen in eigenem Sinne zu manipulieren, für ihre jeweiligen Zwecke zu missbrauchen und zu kontrollieren. Konkurrenz wird häufig gesucht, doch mitleidlos bisweilen überzogen bekämpft. Wechselt das Interesse, werden in kürzester Zeit aus ehemals Bekämpften neue Bündnispartner. 

Das Gemeinsame der Patienten mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung ist, dass sie zumeist unbewusst etwas inszenieren. Die verschiedenen Formen der Inszenierung verfolgen unbewusst das Ziel, das Gegenüber in eine Beziehung einzubinden. Die Patienten bleiben dabei im Grunde in der Abhängigkeit von ihrem Gegenüber verhaftet, weil sie keinen Zugang zu einem stabilen, eigenen Selbstkern haben. Als „Meister des ersten Eindrucks“ erscheinen die Patienten anfänglich häufig interessant und attraktiv. In der Nähe jedoch verliert sich ihr Glanz. Das unersättliche Bedürfnis nach inszenierten Szenen und Außenreizen scheint tiefgreifende Gefühle eines Mangels, einer fehlenden Authentizität und Echtheit zu überdecken. So versucht der Patient, in einem anderen Licht zu erscheinen, zumeist um Bewunderung seines Gegenübers zu erreichen. Es gelingt jedoch vielen Patienten nicht wirklich, das Gefühl zu überdecken, in ihrem Leben keine echte Aufgabe gefunden zu haben, am wirklichen Leben vorbei zu leben und insbesondere auch keine wirkliche Liebe gefunden zu haben. Aus solchen Gefühlen heraus wenden sich Patienten mit einer histrionische n Persönlichkeitsstörung an Therapeuten.  

3. Zur Therapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung 

In der Therapie einer histrionische n Persönlichkeitsstörung wird es vor allem darauf ankommen, eine therapeutische Beziehung aufzubauen, die die geringe Enttäuschungs- und Frustrationstoleranz der Patienten ausbalanciert, so dass sich ein neues Gleichgewicht zwischen Bedürftigkeit in der Beziehung und Drängen nach Autonomie herausbilden kann. Auf individueller Basis müssen die Konflikte der Patienten mit einer histrionische n Persönlichkeitsstörung herausgearbeitet und ihre unbewussten Verarbeitungsweisen verdeutlicht werden. Ein besonderes Gewicht liegt hierbei auf der Stabilisierung des Selbstwertgefühls und der Autonomie.  

In der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I findet sich ein differenziertes stationäres Behandlungssetting, das in Gruppen- und Einzelpsychotherapie insbesondere den kreativen Möglichkeiten der Patienten mit einer histrionische n Persönlichkeitsstörung entgegenkommt. Eine stationäre Behandlung kann häufig die Basis für Selbstwertstabilisation legen und dafür, dass die Patienten durch eine diffenrenziertere und bewusstere Wahrnehmung ihrer Emotionen ihre Handlungsmöglichkeiten und ihre Kompetenzen erheblich erweitern, ein Gefühl von „Echtheit“ und Authentizität erlangen können und so deutlich mehr Lebenszufriedenheit erreichen.

Dr. med. N. Schmitt
Chefarzt
FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Weitere Informationen

Chefarztsekretariat

Frau Grübel

Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900

E-Mail gruebel@hwk1.de

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