Gesunde Menschen erleben in diesem Sinne Dissoziationen z.B. wenn sie durch eine bestimmte Tätigkeit oder Aufgabe völlig in den Bann gezogen sind, so dass andere Wahrnehmungen, Sinneseindrücke oder Körperempfindungen nicht mehr in ihr Bewusstsein vordringen können.
Zur Startseite der Wicker-Gruppe


Dissoziative Störungen

Übersicht

1.         Dissoziation als Begriff in der Psychologie
2.         Dissoziative Störungen – eine Beschreibung
3.         Zur Therapie dissoziative r Störungen 

1.  Dissoziative Störungen: Dissoziation als Begriff in der Psychologie 

Das Wort Dissoziation ist lateinischen Ursprungs. Dissoziieren bedeutet trennen, lösen.

Der französische Psychiater Pierre Janet (1859 – 1947) verwendete erstmals den Begriff Dissoziation, um psychische Prozesse zu beschreiben, die mit einem Auseinanderdriften und sich Trennen - einer Desintegration - von  Bewußtseinsinhalten einhergehen. 

Gesunde Menschen erleben in diesem Sinne Dissoziationen z.B. wenn sie durch eine bestimmte Tätigkeit oder Aufgabe völlig in den Bann gezogen sind, so dass andere Wahrnehmungen, Sinneseindrücke oder Körperempfindungen nicht mehr in ihr Bewusstsein vordringen können (Absorption). Es entwickelt sich in solchen Situationen – bildhaft gesprochen – eine unsichtbare Wand, hinter der ein Teil des Selbst verschwindet. Das Bewusstsein ist für einen Moment nicht in der Lage, die Gesamtsituation in einem kontinuierlichen zeitlichen Kontext und unter Erfassung aller Sinneswahrnehmungen zu integrieren.  

Auch Tagträume stellen einen solchen Zustand dar, in dem sich ein bestimmter Seinszustand gewissermaßen aus dem Alltagsbewusstsein abspaltet. Durch äußere und innere Reize wird unwillkürlich und nicht zielgerichtet gesteuert ein Gedankenstrom angeregt, ein psychischer Prozess, der nicht in die übrigen Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse integriert erscheint und manchmal eine alternative Realität konstruiert.

2.  Dissoziative Störungen – eine Beschreibung 

Dissoziative Störungen beschreiben aus heutiger Sicht Erkrankungen, in denen sich ohne organische Ursache Dissoziationen verdichten und auf dem Boden psychischer Prozesse ein pathologisches System bilden, das zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führt.

1980 werden dissoziative Störungen als diagnostische Kategorie integriert in die Klassifikation psychischer Erkrankungen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Heute wissen wir, dass dissoziative Störungen viel häufiger vorkommen, als ursprünglich angenommen. 

Dissoziative Störungen können gestörte Integrationsleistungen des Bewusstseins auf verschiedenen Ebenen zeigen. So finden sich dissoziative Störungen des Gedächtnisses, dissoziative Störungen der Umgebungswahrnehmung, dissoziative Störungen der Selbst- und Körperwahrnehmung, dissoziative Störungen des Handelns, dissoziative Störungen des Identitätsempfindens und des Selbst.

Im Folgenden werden unter der Vielzahl der Krankheitszeichen dissoziativer Störungen einige ausgewählt und in ihrer Begrifflichkeit näher erklärt:

·   Erinnerungslücken (dissoziative Amnesie): Es tritt ein in der Regel vorübergehender Erinnerungsverlust für wichtige, meist traumatische und zumeist erst kurz zurückliegende Ereignisse auf. Häufig finden sich solche Erinnerungslücken z.B. bei Trauerreaktionen und in Zusammenhang mit Belastungen. Die Symptomatik bezieht sich vorherrschend auf wichtige persönliche Bereiche und steht in deutlichem Zusammenhang mit psychodynamischen Prozessen. 

·   Dissoziatives sich entfernen, „durchbrennen„ (dissoziative Fugue): Charakteristisch für diese dissoziative Störung ist ein plötzliches und unerwartetes Verlassen des Zuhauses oder des gewohnten Arbeitsplatzes, das einer Amnesie unterliegt. Die Ortsveränderung erscheint äußerlich zumeist zielgerichtet und geordnet. Dennoch erfolgt sie zumeist kombiniert mit der Unfähigkeit, sich an Teile bzw. die gesamte eigene Vergangenheit zu erinnern. Betroffene zeigen sich verwirrt über die eigene Identität. Teilweise kann auch für überraschend lange Zeiträume eine neue Identität angenommen werden.

Eine dissoziative Fugue steht in der Regel in Zusammenhang mit traumatischen oder überwältigenden Lebensereignissen. 

·   Dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindung: Verlust oder Veränderung von Bewegungsfunktionen oder (Haut-) Empfindungen ohne körperliche Ursache, oftmals interpretierbar als Ausdruck eines innerpsychischen Konfliktes bzw. zum Zweck der Vermeidung äußerer Konflikte. Beispielhaft können psychogener Stimmverlust oder psychogene Taubheit angeführt werden.

·   Dissoziative Depersonalisation: Depersonalisation beschreibt eine dissoziative Störung in Verbindung mit einem dauerhaften oder wiederkehrenden Gefühl des Losgelöstseins oder der Entfremdung vom eigenen Selbst. Typische Merkmale sind eine sensorische Unempfindlichkeit, ein Mangel an emotionalen Reaktionen und trotz erhaltener Realitätskontrolle das Gefühl, die eigenen Handlungen bzw. die eigene Sprache nicht vollständig beherrschen zu können. 

·   Dissoziative Trance: Eine dissoziative Störung im Sinne einer Trance ist gekennzeichnet durch eine vorübergehende Bewusstseinsveränderung verbunden mit dem Gefühl des Verlustes der persönlichen Identität. Das Bewusstsein erscheint stark eingeengt. Zumeist besteht nur eine selektive ( unvollständige und eingeengte) Wahrnehmung für Stimuli der Umgebung. Bewegungen, Körperhaltungen und Äußerungen werden oft wie einem inneren Zwang folgend immer wiederholt und erscheinen ebenfalls eingeschränkt und stereotyp. 

Dissoziative Störungen sind schwer zu diagnostizieren, unter anderem da die Krankheitszeichen wie beschrieben teilweise bewusstseinsfern sind und daher häufig nicht spontan berichtet werden können.

Im Rahmen einer den klinischen Eindruck unterstützenden standartisierten Diagnostik dissoziativer Störungen kann insbesondere der FDS (Fragebogen zu dissoziativen Symptomen) verwendet werden, der vor allem die Bereiche Absorption, Amnesie, Derealisation (Unwirklichkeitserleben), Depersonalisation und Identitätsverwirrung gut erfasst 

Dissoziative Störungen treten häufig im Rahmen von komplexen Störungen und auch bei gleichzeitigem Vorliegen anderer Erkrankungen, von Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, bei Süchtigen und insbesondere bei PatientInnen mit anderen schweren Persönlichkeitsstörungen und/ oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf. 

Die tiefgehendste, komplexeste Form einer dissoziativen Störung ist die Dissoziative Identitätsstörung, früher auch als Multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet.

Sie ist insbesondere gekennzeichnet durch das Vorhandensein von mindestens zwei unterschiedlichen Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (personality states), die zumeist auf bestimmte innere oder äußere Auslösereize hin wechselnde Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen. Häufig besteht eine vollständige oder teilweise Amnesie für das Vorhandensein und die Handlungen der anderen Persönlichkeitsanteile. Die verschiedenen Identitäten entsprechen dissoziiert in Erscheinung tretenden Aspekten der Gesamtpersönlichkeit, die sich in Alter, Geschlecht, Sprache, Fähigkeit und z.B. auch im vorherrschenden Affekt unterscheiden. Die Störung tritt zumeist vor dem Hintergrund schwerer Traumatisierungen schon im frühesten Kindesalter auf, wird aber oft erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. 

3. Zur Therapie dissoziativer Störungen 

Die Therapie insbesondere schwerer dissoziativer Störungen stellt für TherapeutInnen eine besondere Herausforderung dar. Mit schweren Dissoziationen ihrer PatientInnen verbinden sich auch für sie häufig Gegenübertragungsgefühle von Verwirrung. Die diesen Störungen oft zugrunde liegenden schweren Traumatisierungen der PatientInnen wecken Ohnmacht und Wut.

Zugangswege zum Verstehen und zur Therapie dissoziativer Störungen lassen sich nicht mit einfachen, linearen Konzepten finden.  So sind von verschiedenen therapeutischen Richtungen her Antworten auf die Frage gegeben worden, was in der Therapie dissoziative r Störungen neu und anders sein solle. 

Die Erfahrung zeigt, dass PatientInnen von psychodynamischen, psychoanalytisch orientierten Psychotherapieansätzen gut profitieren können, dass es aber sinnvoll erscheint, tradierte psychoanalytisch orientierte Vorgehensweisen grundlegend zu modifizieren und um andere Therapiemodalitäten zu erweitern.

In Deutschland hat hier insbesondere Frau L. Reddemann mit der von ihr und ihren Mitarbeitern entwickelten Psychodynamisch imaginativen Traumatherapie  Entwicklungsarbeit geleistet. Dieser psychodynamisch integrative Therapieansatz nutzt die Fähigkeit zu inneren Bildern und zur Dissoziation als Ressource. Er verbindet Wissen um psychodynamische Zusammenhänge mit einem Menschenbild, das die Fähigkeiten zur Stabilisierung und Selbstheilung betont und mit gestuften Vorgehensweisen der Traumatherapie. Die Basis wird durch die Herstellung äußerer und innerer Sicherheit für die Betroffenen und die Sicherheit in der therapeutischen Beziehung gelegt. 

Die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I bietet ein stationäres Psychotherapieangebot für PatientInnen mit dissoziativen Störungen. Der Schwerpunkt wird auf die Stabilisierungsphase der Traumatherapie gelegt. Vertiefende Traumabearbeitung erfolgt indikationsspezifisch. Die Komplexität der Störungen erfordert die Vernetzung der Therapie mit weiterführenden ambulanten Therapien, anderen Institutionen und Selbsthilfegruppen. 

Dr. med. N. Schmitt
Chefarzt
FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Weitere Informationen

Chefarztsekretariat

Frau Grübel

Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900

E-Mail gruebel@hwk1.de

 zur Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie

 

 

© 1997- Wicker-Gruppe | Seite empfehlen | Seitenübersicht | Suche | Aktualisiert am 29.07.2013