
Bei der Bulimia nervosa handelt es sich um ein Krankheitsbild, dass seit Beginn der 70er Jahre gehäuft beschrieben wird. Die Bulimia nervosa ist gekennzeichnet als übersteigerte Angst vor einer Gewichtszunahme und durch gleichzeitig bestehende Fressattacken mit anschließendem Erbrechen. Die Häufigkeit der Bulimia nervosa scheint in den Industrieländer zuzunehmen. Auch hier spielen offensichtlich Zeitströmungen, die mit den Folgen einer Überflussgesellschaft zusammenhängen, eine gewisse Rolle. Getroffen von der Bulimia nervosa sind fast ausschließlich junge Frauen. Die Schätzungen liegen bei 2-4 % der Frauen zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr. Das Erkrankungsalter bei der Bulimia nervosa liegt damit vergleichsweise später als das der Anorexia nervosa. Die Bulimia nervosa ist typischerweise eine Erkrankung von jungen Frauen, die das Elternhaus bereits verlassen haben.
Kennzeichnend für die Bulimia nervosa ist ein machtvoller und unbeherrschbarer Drang zu übermäßigem Essen, der sich in wiederkehrenden Episoden von „binge-eating“ (Fressattacken) zeigt. Gleichzeitig besteht eine krankhafte Angst vor dem Dickwerden, wie bei der Anorexia nervosa, die dem Erscheinungsbild oft vorangeht. Die Vermeidung der dick machenden Effekte der Nahrung durch selbstinduziertes Erbrechen und oder den Missbrauch von Abführmitteln oder Wassertabletten oder von beidem gleichzeitig.
Bei der Beschreibung des Krankheitsbildes wird die Verwandtschaft zur Anorexie deutlich. Bei beiden Krankheitsbildern steht die krankhafte Angst vor der Gewichtszunahme im Vordergrund. Die damit verbundene zwanghafte Beschäftigung mit dem Essen führt zu Konzentrationsstörungen, Arbeitsstörungen und sozialem Rückzug. Im körperlichen Bereich entstehen bei der chronischen Störung Folgeschäden:
So reichen die Konsequenzen des ständigen Erbrechens von einer Zerstörung der Zähne (wegen der Salzsäure des Magensaftes) bis zu Herzfunktionsstörungen (durch die Störung der Blutsalze) und zu weiteren Ausfällen. In Abgrenzung zur Anorexie besteht bei der Bulimia nervosa immer ein starker Leidensdruck, das Bewusstsein an einer schweren Essstörung zu leiden und das Gefühl, diesen Teufelskreis von Fressattacken und Erbrechen aus eigener Kraft nicht durchbrechen zu können. Zudem haben die Patientinnen zumeist Ideal- bis Normgewicht, sind manchmal auch leicht untergewichtig.
Die Hintergründe für die Entstehung der Bulimia nervosa überschneiden sich zum großen Teil mit denen der Anorexie. Es handelt sich um eine ähnliche orale Grundstörung, die jedoch stärker durch die Belastungen, die mit dem Erwachsensein verbunden sind, zum Ausbruch kommt.
Das Therapieangebot für Patientinnen mit Bulimia nervosa unterscheidet sich zu dem für Patientinnen mit Anorexie, da die Betroffenen eine bessere Krankheitseinsicht und einen anderen Leidensdruck mitbringen. Auch bei den Patientinnen mit Bulimia nervosa ist eine analytisch modifizierte Psychotherapie sinnvoll in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die auf eine Modifikation des Essverhaltens im Sinne einer vermehrten Selbstkontrolle und auf ein Selbstsicherheitstraining abzielen. Bei Patientinnen mit Bulimia nervosa liegt der Behandlungsfokus im Hier und Jetzt und ist an Problemlöse-Strategien und Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit und der Alltagsbewältigung orientiert.
Ein integrierter Therapieansatz mit Gruppen- und Einzeltherapie sowie Kreativverfahren und Körpertherapie ist bei dieser Essstörung heute das Behandlungsverfahren der Wahl.
Bei Patientinnen mit Bulimia nervosa kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen den weiteren Genesungsverlauf positiv unterstützen. Bei leichteren Verlaufsformen erscheint eine ambulante Psychotherapie ausreichend, bei schwereren Krankheitsbildern ist in der Regel eine Behandlung auf einer spezialisierten Abteilung einer Psychosomatischen Klinik erforderlich.
O. Rüster
Oberarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin
Chefarztsekretariat
Frau Grübel
Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900
E-Mail gruebel@hardtwalklinik1.de
zur Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie

Chefarzt Dr. Niklas Schmitt
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Aktualisiert am 07.07.2011