
Das Aufmerksamkeitsdefizit - Syndrom bei
Erwachsenen
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Übersicht |
1. Aufmerksamkeitsdefizit: Einleitung
Schon 1847 beschrieb der Arzt Hoffmann im Struwwelpeter typische Symptome hyperaktiver Kinder (der Zappelphilipp, den fliegenden Robert und Hans guck in die Luft). Obwohl die Hyperaktivität bzw. das Aufmerksamkeitsdefizit zu den häufigsten Störungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie gehört, existiert bis heute in Deutschland nur sehr wenig Fachliteratur über die weitere Entwicklung und die klinischen Auswirkungen des Aufmerksamkeitsdefizit - Syndroms im Erwachsenenalter.
2. Hinweiszeichen für Aufmerksamkeitsdefizit
Falls Ihnen als Erwachsenen einige der nachfolgend aufgezählten Eigenschaften bekannt erscheinen, könnte ggf. auch das Aufmerksamkeitsdefizit bei Ihnen vorliegen; falls Sie auch schon in Ihrer Kindheit an ähnlichen Schwierigkeiten gelitten haben. Wenn Sie über viele Monate in unterschiedlichen Lebensbereichen:
chaotisch und unorganisiert sind;
fahrig, zerstreut und unkonzentriert sind;
nicht in der Lage sind, an einer Sache dran zu bleiben oder diese konsequent durchzuziehen;
wenn Sie beim Lesen häufig den Faden verlieren und den Inhalt sich nicht merken können;
leicht reizbar und schnell frustrierbar sind;
explosiv und streitlustig sind;
häufig Tagträumen und gedanklich abwesend sind;
nicht richtig zuhören können;
häufig anderen ins Wort fallen;
äußerst begeisterungsfähig, aber ohne Durchhaltevermögen sind;
unter extremen Stimmungsschwankungen schon bei alltäglichen Situationen leiden.
3. Aufmerksamkeitsdefizit: Einige Krankheitsfolgen
Alle diese Störungen können Anzeichen für eine mangelnde Impulssteuerungsfähigkeit sein, wie sie beim Aufmerksamkeitsdefizit vorliegt. Menschen, die unter dieser genetisch verursachten Störung von Botenstoffen im zentralen Nervensystem leiden, müssen sehr viel Energie aufwenden, um ihren häuslichen und beruflichen Alltag erfolgreich bewältigen zu können. Sie erleben ständig Frustrationen, weil sie die Anforderungen, schon seit der Kindheit, nicht in den Griff bekommen. Das trägt, bei Erwachsenen, zu tiefgreifenden Selbstwertkrisen und häufig zu depressiven Episoden bei. Aufgrund häufiger Konfliktsituationen mit dem sozialen Umfeld und den Angehörigen entwickeln sich nicht selten schwere soziale Anpassungsstörungen bei Personen mit einem Aufmerksamkeitsdefizit. Kompensatorisch versuchen einige Betroffene mit Alkohol- oder Drogenkonsum eine Spannungsentlastung zu finden.
Beim Aufmerksamkeitsdefizit handelt es sich also um eine schwerwiegende Störung der Gesundheit mit gravierenden Folgen für das weitere soziale Leben.
4. Problemfelder bei der Diagnosestellung vom Aufmerksamkeitsdefizit im Erwachsenenalter
Früher wurde von fast allen Ärzten angenommen, das Aufmerksamkeitsdefizit gäbe es ausschließlich im Kindes- und Jugendalter, da sich die äußerst auffallende Problematik aus der Kindheit im Erwachsenenalter anders zeigte. Die typische motorische Überaktivität zeigt sich im Erwachsenenalter häufig nur noch als quälende innere Unruhe. Schwere Aufmerksamkeitsstörungen werden als mangelndes Interesse fehlgedeutet und von den Betroffenen überspielt. Einige Erwachsene haben hierbei erstaunliche Kompensationsmechanismen entwickelt, trotz weiterbestehenden schweren Defiziten. Viele Betroffene leiden andauernd unter anhaltenden Überforderungsgefühlen.
Erschwerend beim Erkennen eines Aufmerksamkeitsdefizit - Syndrom
im Erwachsenenalter kommt hinzu, dass sich die Symptome vom
Aufmerksamkeitsdefizit nicht selten mit Krankheitszeichen anderer
seelischer Störungen überschneiden. Bei Depressionen,
Angststörungen und vor allem bei einigen Persönlichkeitsstörungen
leiden die Betroffenen unter gleichen oder sehr ähnlichen
Problemen. Eine Abgrenzung dieser Krankheitsbilder erfordert viel
klinische Erfahrung und sollte von entsprechend informierten
Fachkräften vorgenommen werden.
Informationen hierzu können Sie vom Bundesverband
Aufmerksamkeitsstörungen/Hyperaktivität e.V., Postfach 60, 91291
Forchheim, Telefon/Fax: 09191/34874, erhalten.
Natürlich spielt auch das soziale Umfeld für die weitere Entwicklung bei einem Aufmerksamkeitsdefizit - Syndrom im Erwachsenenalter einen entscheidenden Einfluss; ob es zu einer anhaltenden Beeinträchtigung des Lebens oder aber zu einer katastrophalen Entwicklung kommt.
An dieser Stelle spielt selbstverständlich das Erkennen dieser Störung als Aufmerksamkeitsdefizit - Syndrom eine zentrale Rolle. Wenn die Betroffenen ärztliche Hilfe aufsuchen, finden sie in vielen Fällen zu wenig informierte Ärzte, die ihre Problematik richtig diagnostizieren können. Das stellt nach wie vor ein nicht unerhebliches Problem dar. In den letzten Jahren gilt es in der Wissenschaft als anerkannt, dass es das Aufmerksamkeitsdefizit auch im Erwachsenenalter gibt.
5. Erscheinungsformen vom Aufmerksamkeitsdefizit bei Erwachsenen
Die beiden internationalen Klassifikationssysteme zur Verschlüsselung von medizinischen Diagnosen, die ICD 10 und das DSM-IV unterscheiden sich zwar in der Einteilung und Beschreibung der Syndrome, aber es besteht Einigkeit über das Auftreten dieser Störung im Erwachsenenalter. Es werden drei Erscheinungsformen beschrieben:
ein gemischtes Krankheitsbild mit Aufmerksamkeitsstörung, als auch Hyperaktivität und Impulsivität;
ein vorherrschend unaufmerksamer Typ von Betroffenen, wo Hyperaktivität und Impulsivität nicht so ausgeprägt in Erscheinung treten;
sowie ein vorherrschend hyperaktives-impulsives Krankheitsbild, bei dem die Aufmerksamkeitsstörung in den Hintergrund tritt.
Es zeigen sich also sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe und Erscheinungsformen beim Aufmerksamkeitsdefizit im Erwachsenenalter.
Hinzu kommen häufig begleitende Symptome wie ein mangelndes Selbstwertgefühl, aggressive und impulsive Verhaltensweisen sowie Depressivität. Auf dem Hintergrund von schweren Lernstörungen und schlechten Schulleistungen und anhaltenden Sozialkonflikten wurden die intellektuellen Fähigkeiten häufig nur ungenügend gefördert.
6. Aufmerksamkeitsdefizit: Risikofaktoren für den Krankheitsverlauf
Bei ungünstigen Ausgangsbedingungen steigt das Risiko, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit auch im Erwachsenenalter in voller Ausprägung persistiert. Zu den Risikofaktoren zählen: psychische Störungen der Eltern; aggressive Verhaltensmuster der Betroffenen schon im Kindesalter; schlechte Beziehungen zu Gleichaltrigen; extreme emotionale Instabilität und eine geringe Intelligenz.
Falls Sie Kinder haben, die an einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden, sollten Sie auch die eigene Entwicklung in dieser Hinsicht genau überprüfen. Viele Betroffene im Erwachsenenalter werden häufig erst diagnostiziert, wenn die Kinder auffallend werden. Auch hier können Sie über Selbsthilfegruppen (s. o.) an Informationsmaterial gelangen.
Wir gehen heute davon aus, dass ein nicht unerheblicher Teil der erkrankten Kinder auch im Erwachsenenalter weiter unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden und einer fachärztlichen Behandlung bedürfen. Das Aufmerksamkeitsdefizit bei Erwachsenen führt die Betroffenen häufig wegen Folgeproblemen wie anhaltenden familiären Konflikten, Selbstwertkrisen oder depressiven Episoden in ärztliche und psychotherapeutische Behandlung. Andere leiden bedingt durch ihre primäre Konzentrationsstörung an sozialen Kontaktstörungen und ziehen sich zurück. Sie entwickeln das Gefühl von Langeweile, weil sie keine Tätigkeiten zu Ende bringen können und ihren Alltag nur chaotisch organisieren. Hierdurch fallen sie aus vielen sozialen Kontaktmöglichkeiten heraus; was zu einem schweren Leiden beiträgt.
7. Was kann beim Aufmerksamkeitsdefizit therapeutisch helfen?
7.1 Diagnostische Abklärung
An erster Stelle steht die diagnostische Abklärung der Störung als Aufmerksamkeitsdefizit. Dem sollte eine ausführliche Aufklärung der Betroffenen über das Krankheitsbild, deren Folgen und Behandlungsmöglichkeiten folgen. Ein weiterer wichtiger und zentraler Aspekt ist die Aufklärung von Familienangehörigen und wichtigen Bezugspersonen über die Hintergründe des Aufmerksamkeitsdefizit. Die Zusammenhänge und Krankheitsfolgen sind allen Beteiligten häufig nicht ausreichend nachvollziehbar und führen zu vielen Konflikten und unsäglichem Leid.
7.2 Aufklärung
Diese Aufklärung über das Aufmerksamkeitsdefizit kann dazu beitragen viele Schwierigkeiten des bisherigen Lebens für die Betroffenen nachvollziehbar zu machen. Neben der Entlastung, die hierdurch entsteht, sind die Informationen auch eine zentrale Voraussetzung für die Akzeptanz weiterer Behandlungsmaßnahmen.
Es empfiehlt sich ein multimodaler Ansatz in einer Kombination aus einer medikamentösen und einer psychotherapeutischen Behandlung, kombiniert mit lebenspraktischen Trainingsmaßnahmen.
7.3 Medikamentöse Behandlung
Bei der medikamentösen Behandlung steht auch bei Erwachsenen mit einem Aufmerksamkeitsdefizit die Gabe von Stimulanzien (Methylphenidat) im Vordergrund. Die Dosierung im Erwachsenenalter erfolgt nicht nach den gleichen Kriterien wie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Insgesamt erfordert die medikamentöse Einstellung eine individuelle Abstimmung im Einzelfall. Neben der Gabe von Methylphenidat hat sich der Einsatz von sogenannten trizyklischen Antidepressiva (Desimipramin bzw. Imipramin) bewährt; dies nicht nur zur Behandlung von depressiven Reaktionen, sondern zur direkten therapeutischen Behandlung beim Aufmerksamkeitsdefizit. Auch neuere Antidepressiva, wie z. B. Venlafaxin, haben positive therapeutische Ergebnisse erbracht.
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, weitere pharmakologische Ansätze in der Behandlung beim Aufmerksamkeitsdefizit darzustellen. Hier sollten Sie einen mit diesem Krankheitsbild vertrauten Arzt aufsuchen und eine individuelle Medikation abklären.
Wichtig ist aber die Information, dass weder die medikamentöse Behandlung ohne Psychotherapie, noch eine Psychotherapie ohne medikamentöse Behandlung erfahrungsgemäß ausreicht, um das Krankheitsbild ausreichend positiv zu beeinflussen.
7.4 Psychotherapie
Im Zentrum der psychotherapeutischen Behandlung sollte neben kognitiv strukturierten Trainingsmaßnahmen für die Bewältigung des täglichen Lebens eine tiefenpsychologisch fundierte Aufarbeitung der tiefgreifenden Selbstproblematik stehen. Rein verhaltenstherapeutische Trainingsmaßnahmen haben erfahrungsgemäß zu keiner ausreichenden Aufarbeitung und Stabilisierung beigetragen. Beim Aufmerksamkeitsdefizit handelt es sich um eine tiefgreifende psychosoziale Entwicklungsstörung mit gravierenden Folgen für die private und berufliche Beziehungsgestaltung. Auf diesem Hintergrund bedarf es in der Regel eines längeren Aufbaus einer tragfähigen therapeutischen vertrauensvollen Beziehung, um tiefsitzende Ängste und Selbstwertzweifel sowie Schamgefühle aufarbeiten zu können. Weil auch schon zu den wichtigsten Bezugspersonen in Kindheit und Jugend tiefgreifende emotionale Konflikte stattfanden, bedarf es im Laufe der Therapie auch einer Integration von Angehörigen in die therapeutische Arbeit, um neue realistische Perspektiven für das Zusammenleben zu erarbeiten. Insbesondere für das berufliche Leben müssen realistische Strukturen für die Organisation von Aufgaben erarbeitet werden. Erst danach können sich Krankheitsfolgen wie anhaltende soziale Konfliktsituationen wieder langsam normalisieren.
8. Fazit:
Das Aufmerksamkeitsdefizit im Erwachsenenalter stellt eine schwerwiegende und tiefgreifende Störung auf biologischer Ebene dar mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die psychische Befindlichkeit der Betroffenen und auf deren soziale und berufliche Beziehungen. Es ist entscheidend wichtig, das Aufmerksamkeitsdefizit diagnostisch von anderen psychischen Erkrankungen zu unterscheiden. Ein multimodaler Behandlungsansatz mit medikamentöser, psychotherapeutischer und psychosozialer Betreuung hat Aussicht auf Erfolg, auch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen reduziert die Isolierung der Betroffenen.
Olaf Rüster
Oberarzt
Arzt für Psychotherapeutische Medizin
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Chefarztsekretariat
Frau Grübel
Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900
E-Mail gruebel@hardtwalklinik1.de
zur Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie

Chefarzt Dr. Niklas Schmitt
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Aktualisiert am 07.07.2011