
Wenn Sie sich für Antidepressiva interessieren, leiden wahrscheinlich Sie selber, oder aber Angehörige oder Bekannte an einer Depression. Im Zusammenhang mit der Einnahme von Antidepressiva sind einige Vorinformationen erwähnenswert.
Depressionen zählen zu den am häufigsten auftretenden psychischen Störungen. Ca. 17-20 % der Gesamtbevölkerung erkranken mindestens einmal während ihres Lebens an einer Depression. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation belasten Depressionen das Leben der Betroffenen wesentlich stärker als andere Erkrankungen.
Der Begriff „depressiv“ wird umgangssprachlich für alltägliche Verstimmungszustände benutzt, die keinen Krankheitswert haben. Wenn Ärzte und Psychotherapeuten von Depressionen sprechen, sind behandlungsbedürftige Krankheitsbilder gemeint, die bestimmte Krankheitszeichen aufweisen. Nur ein Teil der Depressionen benötigt eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva.
Hierfür ist in der Regel eine fachärztliche Diagnostik erforderlich, um entscheiden zu können, welche Behandlungsmaßnahmen angezeigt sind. In allen Fällen ist eine stützende Psychotherapie sinnvoll und erforderlich, auch wenn Antidepressiva verordnet werden. Sie sind also gut beraten, wenn Sie vor der Einnahme von Antidepressiva einen Facharzt aufsuchen und sich untersuchen lassen. Einige andere - auch körperliche - Erkrankungen gehen mit Depressionen einher, hier ist es notwendig, dann diese Grunderkrankung fachgerecht behandeln zu lassen. Vor der Verordnung von Antidepressiva wird Ihr behandelnder ArztIn eine ausführliche Krankengeschichte erheben, um die Diagnose abzuklären. Dann wird er einige Untersuchungen durchführen, um eine ungestörte Behandlung mit Antidepressiva durchführen zu können, da nicht bei allen Betroffenen gleiche körperliche Voraussetzungen bestehen. Durch dieses Vorgehen können unerwünschte Nebenwirkungen vermieden oder zumindest verringert werden. Es können auch bestimmte Antidepressiva gewählt werden, die im Einzelfall verträglich sind.
Antidepressiva gibt es seit den 50er Jahren. Sie sind in der Regel gut erforschte Medikamente. Die BehandlerInnen unterscheiden bei der Verordnung von Antidepressiva zwischen
- beruhigenden Antidepressiva und
- antriebsfördernden Antidepressiva
In beiden Gruppen gibt es eine ganze Anzahl verschiedener Präparate. Je nach dem wie sich das aktuelle Zustandsbild des Betroffenen darstellt wird entschieden, aus welcher Gruppe ein Antidepressivum verordnet wird.
Wenn starke Unruhe, Angst und Getriebenheit im Vordergrund stehen; ist ein beruhigendes Antidepressiva angezeigt. Auch bei ausgeprägten Schlafstörungen ist ein dämpfendes Antidepressivum erforderlich.
Steht eine ausgeprägte Antriebsarmut, Interessenlosigkeit und sozialer Rückzug im Vordergrund kann ein antriebsförderndes Antidepressivum sinnvoll sein.
Bei Betroffenen, die schon länger unter einer schweren Depression leiden, kann es zu Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit kommen. Dann leiden die Betroffenen auch unter Selbstmordimpulsen; im Sinne von Erlösungsphantasien oder aber bedingt durch unerträgliche Schuldgefühle. In diesen Fällen sollte nicht ohne fachärztliche Abklärung ein antriebssteigerndes Medikament verordnet werden. Die depressionslösende Wirkung kommt erst nach einer Zeit zwischen drei bis fünf Wochen voll zum Tragen, wenn der Antrieb schneller zurückkehrt, kann das, bei weiter bestehendem depressiven Erleben, problematisch werden. Zumindest muss in einer derartigen Situation eine engmaschige Betreuung gesichert sein, oder aber andere beruhigende Medikamente verordnet werden.
Wichtig für die Betroffenen ist die ärztliche Aufklärung über den verzögernden Wirkungseintritt von Antidepressiva. Das hängt mit vielfältigen biochemischen Reaktionen im Organismus zusammen. Aus diesem Grunde ist es für die Behandlung von depressiv Erkrankten wichtig, eine kontinuierliche psychotherapeutische - am besten fachärztliche - Behandlung als Basistherapie zu sichern. Die Behandlung mit Antidepressiva ist hilfreich und erfolgversprechend, aber auf sich alleine gestellt nicht ausreichend.
In diesem Artikel können naturgemäß nicht alle Aspekte im Zusammenhang mit der Behandlung mit Antidepressiva behandelt werden.
Ich möchte mich auf häufig gestellte Fragen aus der Praxis beschränken.
Verändert sich mein Gefühlsleben unter der Einnahme von Antidepressiva?
Die Depression schränkt Ihre normale emotionale Schwingungsfähigkeit ein. Viele klagen über ein Gefühl der Gefühllosigkeit; sie können sich weder freuen, noch mit Traurigkeit reagieren.
Durch die Behandlung mit Antidepressiva werden sie die Gefühle wieder erleben können, wie sie diese vor ihrer Depression erlebt haben. Sie werden sich unter der Behandlung mit Antidepressiva genauso oft traurig fühlen können wie zuvor; aber auch wieder Freude empfinden können. Sie werden ärgerlich und fröhlich sein können wie früher auch.
Machen Antidepressiva abhängig?
Auch wenn Antidepressiva über einen längeren Zeitraum eingenommen werden müssen, machen sie nicht abhängig, anders als Tranquilizer (Beruhigungs- oder Schlafmittel). Ihr Absetzen führt auch nicht zu Entzugserscheinungen wie bei Medikamenten, die abhängig machen.
Beim Absetzen von einigen Antidepressiva werden, nach längerer Einnahmezeit, Absetzerscheinungen beobachtet (z. B. wiederkehrende leichte Ängste, Schwindelerscheinungen oder Kopfschmerzen); aus diesem Grunde sollte das Absetzen langsam ausschleichend erfolgen.
Putschen Antidepressiva auf?
Die antriebssteigernde Antidepressiva verbessern das gestörte (krankhafte) Antriebsverhalten von Depressiven zum Positiven. Bei Menschen, die nicht depressiv sind, wirken Antidepressiva nicht euphorisierend. Bei einer Gruppe von Kranken, die an manisch-depressiven Erkrankungen leiden, kann es zu einer manischen Krankheitsphase kommen. Hier bedarf es einer fachärztlichen Abklärung und eines entsprechenden Behandlungsplanes, wie mit der medikamentösen Behandlung zu verfahren ist.
Beeinflussen Antidepressiva meine Sexualität?
Die Einnahme von Antidepressiva kann zur Störung in der Sexualität führen. Ejakulationsstörungen, Potenz- und Orgasmusstörungen sowie eine verringerte Intensität von sexuellem Verlangen treten aber auch als Symptome von Depressionen auf. Deshalb kann und sollte in ärztlichen Gesprächen genau geklärt werden, ob es sich bei den jeweiligen Beeinträchtigungen um erneute Krankheitszeichen oder um unerwünschte Nebenwirkungen von Antidepressive handelt. Hier sollten Sie bitte das Gespräch mit den BehandlerInnen suchen und nicht einfach die Medikation absetzen. Es gibt auch nach dem Umsetzen von Antidepressiva auf andere Präparate z. T. deutliche Änderungen in der Reaktionslage.
Wie steht es mit einer Gewichtszunahme unter der Behandlung von Antidepressiva?
Bei einigen Antidepressiva ist eine Gewichtszunahme als unerwünschte Nebenwirkung bekannt. Manche neueren Antidepressiva (z. B. Serotonin Wiederaufnahmehemmer - Serotonin ist ein Bodenstoff im Gehirn -) wirken hier günstiger. Eine Vorhersage, wie sich ihr Körpergewicht im Einzelfall entwickelt, kann jedoch nicht im Vorfeld mit Sicherheit gegeben werden. In einigen Fällen kommt, mit der depressionslösenden Wirkung, auch die Rückkehr des Appetits und eine Normalisierung des Körpergewichtes, welches im Laufe der Depression rückläufig war. Dies stellt dann eine gewünschte Wirksamkeit des Medikamentes dar und bei einer anhaltenden Gewichtszunahme sollten Sie bitte das Gespräch mit ihren behandelnden Facharzt suchen, um gemeinsam den Behandlungsplan neu zu überdenken.
Was muss ich beachten bei Schwangerschaft und Stillzeit?
Es gibt Hinweise, dass viele Antidepressiva keine ernsthaften Komplikationen während der Schwangerschaft verursachen. Trotz allem gilt, grundsätzlich sollte aus Sicherheitsgründen während der Behandlung mit Antidepressiva eine zuverlässige Verhütungsmethode angewendet werden. Da es nie mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann, ob eine Fruchtschädigung in der Frühschwangerschaft auftreten könnte. Die Einnahme von Antidepressiva ist keine zwingende Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch. Für die sog. trizyklischen Antidepressiva, die am längsten auf dem Markt befindlichen Antidepressiva, sind eindeutige fruchtschädigende Wirkungen bisher nicht bekannt geworden.
Bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (seit den 80er Jahren auf dem Markt) ist die wissenschaftliche Datenlage noch nicht soweit, aber auch hier gibt es keine eindeutigen Hinweise auf eine Schädigung des Ungeborenen.
Dennoch sollte im ersten Drittel der Schwangerschaft nach Möglichkeit, soweit es der Behandlungsplan und die individuelle Erkrankung zulässt, auf die Einnahme von Antidepressiva verzichtet werden.
Für die Stillzeit sollten Sie sich mit Ihren behandelnden ÄrztInnen beraten. Grundsätzlich gilt von den trizyklischen Antidepressiva gehen wenig Risiken für das Baby aus. Die neueren Serotonin-Wiederaufnahmehemmer scheinen nur im geringen Maße in die Muttermilch überzutreten und scheinen - nach dem aktuellen Wissenstand - für das Kind ungefährlich zu sein.
Wie lange muss ich die Antidepressiva einnehmen?
Bei einer Ersterkrankung, die eine Antidepressivagabe erforderlich macht, empfehlen die Fachärzte einen Zeitraum von ca. 6 Monaten, währenddessen die Antidepressiva weiter eingenommen werden sollten.
Bei Betroffenen mit wiederkehrenden Depressionen können sehr viel längere Behandlungsdauern notwendig sein. Hier werden u. U. auch andere, zusätzliche Behandlungsmaßnahmen erforderlich sein. Hier bleibt eine individuelle Abklärung mit den behandelnden FachärztenInnen erforderlich.
Für wen welches Antidepressivum sinnvoll ist, lässt sich nicht allgemeingültig darstellen. Hier sollten Sie die individuelle Situation im Einzelfall mit einem ArztIn Ihres Vertrauen besprechen. Bei schwereren Krankheitsverläufen erscheint die Einstellung auf Antidepressiva im Rahmen einer stationären Behandlung in einer Fachabteilung sinnvoll.
O. Rüster
Oberarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin
Chefarztsekretariat
Frau Grübel
Telefon 05626 87-931
Fax 05626 87-900
E-Mail gruebel@hardtwalklinik1.de
zur Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie

Chefarzt Dr. Niklas Schmitt
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Aktualisiert am 07.07.2011