Vorbemerkung
In früheren Zeiten bis teilweise noch heute
wurde die Therapie chronischer Schmerzen im wesentlichen in
akutmedizinischen Einrichtungen betrieben. Erst in den letzten
Jahren begann eine Entwicklung, die chronische Schmerzen im
Gegensatz zu akuten Schmerzen nicht mehr lediglich als Symptom
einer Erkrankung, sondern als eigenständige Erkrankung auffasst.
Hieraus wurde folgerichtig abgeleitet, dass bisher in der
Akuttherapie bewährte Verfahren nicht hinreichten, sondern
rehabilitative Konzepte der Schmerzbehandlung zu erproben
seien.
Insbesondere durch moderne Erkenntnisse der Schmerzforschung
motiviert wurden daher Therapiekonzepte entwickelt, die neben einer
wissenschaftlich fundierten und rational begründeten somatischen
Behandlung auch Schmerzbewältigung sowie die Auseinandersetzung mit
schmerzauslösenden, -unterhaltenden und -intensivierenden Faktoren
umfassten. Hier haben vorwiegend verhaltensmedizinisch ausgebildete
Psychotherapeuten erhebliche Verbesserungen beigetragen.
So entstanden neben den erwähnten somatisch dominierten
Schmerzambulanzen insbesondere im Bereich der Rehabilitation
zahlreiche psychotherapeutische und psychosomatische Einrichtungen,
die in der Schmerzverarbeitung als einem rein psychotherapeutischen
Ansatz die wesentliche Therapieoption sehen, ohne moderne
Erkenntnisse über pharmakologische und reflextherapeutische
Einflussmöglichkeiten auf chronische Schmerzen zu
berücksichtigen.
Beide Therapiepfade isoliert für sich betrachtet sind
bei chronifiziert Schmerzkranken nicht hinreichend
erfolgreich.
Ziel einer modernen Schmerzbehandlung ist es daher, beide
Therapieansätze zu einem integrativen Gesamtkonzept zu verbinden,
in dessen Rahmen sich kompetente fachbezogene somatische Therapie
einerseits und engagierte lösungsorientierte Psychotherapie
andererseits wirkungsvoll ergänzen.
Insbesondere bei chronischen Schmerzen auf neurologischem
Gebiet wie primären Kopfschmerzen, neuropathischen Schmerzen und
chronischen Rückenschmerzen (hier Überschneidungen zur Orthopädie)
muss Grundlage der Behandlung ein
bio-psycho-soziales
Krankheitsmodell sein. Erst hieraus können sowohl
rationale Pharmakotherapie und medizinische Trainingstherapie
(wofür Rehabilitationseinrichtungen prädestiniert sind), als auch
Konzepte der Krankheitsverarbeitung und der ressourcenorientierten
Psychotherapie abgeleitet werden.
Prof. Dr. F. Lamprecht, MHH, fasst diese Überlegungen
dahingehend zusammen, „dass bei diesem sehr schwierigen
Patientengut eine konzeptionelle Einheit von somatischer und
psychischer Medizin praktiziert“ werden muss, da hiermit „die
größten Chancen zur Erhaltung und Verbesserung des Leistungsbildes
verbunden sind“ (Lamprecht 1997). Anderenfalls bleibt die Therapie
wirkungsarm; durch
regelmäßige akutstationäre Behandlungen
eigentlich chronischer Erkrankungen entstehen unabhängig
von dem menschlichen Leid der Gesellschaft erhebliche und sinnlose
Kosten.
Konzept
Die
IST-Grundkonzeption
integriert bewährte Therapiemodule neurologisch-psychosomatischer
Rehabilitation, ergänzt durch einen reflextherapeutischen
Schwerpunkt und bedarfsweise minimal-invasive Komponenten.
Unter Leitung eines schmerztherapeutisch qualifizierten
Neurologen, der mit seinen ärztlichen Mitarbeitern den
rehabilitationsmedizinischen Behandlungsrahmen bereitstellt und
reflextherapeutische Therapieverfahren einbringt (Chirotherapie,
Akupunktur, Neuraltherapie, TENS) durchlaufen ca. 10 Patienten mit
unterschiedlichen chronischen neurologischen Schmerzsyndromen als
geschlossene Gruppe auf einer neurologischen Rehabilitationsstation
eine stationäre Behandlung von vier bis fünf Wochen Dauer. Das
Behandlungskonzept beinhaltet als Bestandteile neben
reflextherapeutischen Behandlungen Krankheitsinformation,
ressourcenorientierte psychologische Einzelgespräche,
themenzentrierte (schmerzbezogene) interaktionelle
Gruppenpsychotherapie, Entspannungsverfahren, Genusstherapie und
Sport/Motologie.
Zwei approbierte Diplompsychologen mit langjähriger
Psychotherapieerfahrung führen sowohl die Einzelgespräche, als auch
die psychologischen Behandlungsbestandteile durch. Hierdurch wird
eine engmaschige und konstante psychotherapeutische Begleitung
durch den gesamten Rehabilitationsverlauf gewährleistet.
Ergänzt wird das Programm durch weitere individuell
erforderliche rehabilitationsmedizinische Maßnahmen.
Behandlungsdauer
Grundsätzlich vier mit optionaler Verlängerung auf fünf Wochen,
gemeinsame Aufnahme- und Entlassungswoche.
Zeitliche Staffelung:
Bei Aufnahme:
- Medizinische Aufnahme, organische Abklärung (falls
erforderlich), Herausarbeiten des Krankheitskonzeptes des
Patienten, Modifikation bei Medikamentenfehlgebrauch;
psychologisches Aufnahmegespräch mit ausführlicher biografischer
Anamnese
1.-4. (5.) Woche:
Pro Woche obligatorisch:
- Mindestens 2 ärztliche/oberärztliche Visiten
- 1 Sitzung Krankheitsinformation von 45 Minuten
- 2 Sitzungen themenzentrierte lösungsorientierte interaktionelle
Gruppenpsychotherapie (TZI) von 60 Minuten
- 1 Einzelgespräch beim Psychologen von mindestens 30
Minuten
- 1 Gruppensitzung Genusstherapie von 60 Minuten
- 2 Gruppensitzungen Entspannungsverfahren (AT/PMR) von jeweils
30 Minuten
- 1 Gruppensitzung Motologie von 75 Minuten
- Mindestens 2 reflextherapeutische Behandlungseinheiten
(Triggerpunktstimulation 60 Minuten, Fußreflexzonenstimulation 30
Minuten)
Zusätzliche Komponenten
· Physiotherapie/Physik. Therapie nach Indikation (z. B.
Rückenschule, BWB, Kopfbehandlung)
· Sport/Funktionelle Trainingstherapie
· Sozialberatung
Spezifisch ärztliche Schmerztherapie:
- Rationelle Pharmakotherapie
- Reflextherapeutische Verfahren:
TENS
Neuraltherapie
Chirotherapie
Akupunktur/Laserakupunktur
Falls rehabilitationsmedizinisch von
Relevanz!:
Minimal-invasive Schmerztherapie (Röntgen-Institut Dres.
Mariß/Aref an der Hardtwaldklinik I):
- Durch 2 speziell qualifizierte und erfahrene Ärzte für
Radiologie schmerzdiagnostische CT-gesteuerte Infiltrationen von
Nervenwurzeln bzw. Facettengelenken
- Bei positivem Ansprechen therapeutische Infiltrationsserie
Räumliche und apparative Ausstattung
Die Station verfügt über 50 Einzelzimmer.
Therapie- und Funktionsräume entsprechen einem modernen
rehabilitativen Standard. Radiologische Diagnostik incl. Computer-
und Kernspintomografie sowie fachinternistische und -orthopädische
Konsiliaruntersuchungen werden im Haus durchgeführt, rehabilitativ
notwendige anästhesiologische Maßnahmen im Klinikverbund geleistet
(Werner-Wicker-Klinik, Bad Wildungen).
Konzeptevaluierung und Qualitätssicherung
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt durch Herrn Prof.
Dr. Dr. Basler, Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für
Methodenwissenschaften und Gesundheitsforschung der
Philipps-Universität Marburg, Träger des Deutschen Schmerzpreises.
Eine erste wissenschaftliche Untersuchung befindet sich in der
Auswertungsphase, eine zweite kontrollierte, prospektive,
randomisierte Studie zur Wirksamkeit begann im Mai 2004; erste
Ergebnisse werden im Frühjahr 2007 vorliegen.
Die Hardtwaldklinik I unterzieht sich externen
Qualitätskontrollen und ist seit 1999 nach DIN EN ISO 9001 (ein
Wiederholungsaudit nach DIN EN ISO 9001:2000 wurde im April 2006
erfolgreich absolviert) und den Qualitätsgrundsätzen der Deutschen
Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED)
zertifiziert.
Zusammenfassung
Zusammenfassend bieten wir mit IST ein
zukunftsweisendes neurologisch-psychosomatisches
Konzept für die Behandlung chronischer Schmerzen an der
Hardtwaldklinik I an, welches moderne medizinische Erkenntnisse der
Schmerzbehandlung innerhalb der Neurorehabilitation konzeptionell
umsetzt.
Es ist gekennzeichnet durch enge Verzahnung von
kompetenter somatischer und psychotherapeutischer
Behandlung. Grundlage der Therapie ist ein
bio-psycho-soziales Krankheitsmodell; die Ausführung wird
ermöglicht durch gut ausgebildetete und erfahrene Therapeuten sowie
kommunikative Teamstrukturen.